Die schizophrenen Tätigkeiten des Prof. Vattenfall

Professor Lars Göran Josefsson, Chef des schwedischen Energie-Staatskonzerns Vattenfall, will sich zukünftig als Klimaberater der UN sowie der deutschen Regierung für den Energiewandel stark machen. Am Desertec-Wüstenstromprojekt äußert er trotzdem Bedenken und unterstreicht die Wichtigkeit der Kohle- und Atomkraft.
Die Arbeitsfelder des mächtigsten Energiemanns Schwedens dürften sich in Zukunft als sehr zwiespältig erweisen. Seit geraumer Zeit leitet er den international agierenden Vattenfall-Konzern und hat diesen dabei nicht direkt zu einem Öko-Konzern umgewandelt. Im Gegenteil: Derzeit investiert das Unternehmen europaweit massiv in Kohlekraftwerke. Auch wenn vielerorts mit dem Einsatz regenerativer Energien geworben wird, stellen Atom- und Kohlekraft für Josefsson nach wie vor wesentliche und wichtige Energiequellen dar, die er auch zukünftig bewahren möchte: Vattenfall werde “noch im Jahre 2050 Kohlekraftwerke betreiben” und auch die Kernenergie werde in Zukunft noch eine große Rolle spielen, stellte er nach Informationen der “Financial Times Deutschland” jüngst klar.

Verantwortungsvolle Posten

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen erschient es unwahrscheinlich, einen solchen Mann ernsthaft als Umweltschutzbeauftragten in Energiefragen zu konsultieren. Aber genau dies ist gleich auf mehreren Ebenen geschehen: Seit geraumer Zeit berät Josefsson bereits die deutsche Bundesregierung als Klimaschutzbeauftragter und nun wird er dieses Amt darüber hinaus auch bei den Vereinten Nationen bekleiden. Dort wird er als Vorsitzender eines Expertengremiums Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon in Klimafragen direkt beraten. Seinen Äußerungen nach zu urteilen nimmt er diesen Posten durchaus ernst und möchte vehement für den Energiewandel ins Feld ziehen. Auf einer Versammlung in New York verkündete er, die Welt stehe vor einer CO2-Revolution. Es sei eine radikale Wende nötig, an der Industrie und Verbraucher sich direkt beteiligen müssten: “Wir müssen unsere Gesellschaft vollkommen umbauen”, forderte Josefsson. Das würde zwar wohl mehrere Jahrzehnte dauern, aber “wir können und müssen das schaffen – und wir müssen jetzt damit anfangen.” Gefahren für die wirtschaftliche Stabilität sieht er nicht: “Die Märkte können das verkraften”, versicherte er.

Die zwei Seiten der CO2-Medaille

Die Frage, wie sich diese Einstellung mit dem Kurs seines Unternehmens verträgt, ist mehr als berechtigt. Ein deutscher Konkurrenzkonzern von Vattenfall beschreibt die Situation gegenüber der “FTD” folgendermaßen: “Herr Josefsson hat künftig zwei große Hüte auf. Die wird er häufig wechseln müssen – beide gleichzeitig tragen kann er nicht.” Der Professor untermauerte diese berufliche Schizophrenie in New York mit der Feststellung, Kohlekraftwerke seien in ihrer heutigen Form nicht länger zeitgemäß. Warum investiert er dann so intensiv in sie? Hier beginnt der Energieexperte seinen Spagat, indem er zunächst die wirtschaftliche Notwendigkeit unterstreicht. Wirtschaftlich könnten Länder wie Deutschland und Polen nicht einfach darauf verzichten, rechtfertigt sich Josefsson. Daher sei der Betrieb von Kohlekraftwerken auch in Zukunft erforderlich. Auf der anderen Seite müssten diese aber mit umweltfreundlichen, CO2-emissionsfreien Technologien betrieben werden. Vattenfall will daher in Zukunft auf Kraftwerke mit dem CCS-Verfahren setzen, durch welches das schädliche Kohlendioxid abgespalten und gespeichert werden kann. Bisher ist dieses Verfahren jedoch nur in Modellversuchen zum Einsatz gekommen und gilt aufgrund der hohen Kosten für einen flächendeckenden Einsatz als unrealistisch.

Wüstenstrom nur eine Fata Morgana?

“Das ist verdammt viel Geld. Ich halte das nicht für realistisch”, zeigte sich auch Josefsson skeptisch – jedoch nicht bezüglich der CCS-Technologie, sondern im Hinblick auf das ehrgeizige Desertec-Projekt. Mit diesem sollen in rund zehn Jahren 15 Prozent des europäischen Strombedarfs durch ein gigantisches Solarthermie-Kraftwerk in der nordafrikanischen Wüste gedeckt werden. Zahlreiche große deutsche Konzerne haben ihre Beteiligung in Form von Finanzierung und Material in Aussicht gestellt. Die Kosten werden auf 400 Milliarden Euro beziffert. Der Vattenfall-Chef hält angesichts dieser Summe, insbesondere der hohen Transportkosten, nicht viel von dem Vorhaben und weist auch auf das Risiko terroristischer Anschläge hin. “Europa muss seinen Strom in Europa erzeugen”, lautet sein Statement.
Andere Länder sehen das offenbar nicht so. Die britische Projektgesellschaft „Nur Energie“ plant in Tunesien ein ähnliches Projekt in etwas kleinerem Umfang, das Italien und Großbritannien schon einige Jahre früher als Desertec mit frischem Wüstenstrom versorgen soll. Solche Vorhaben könnten durchaus einen gesunden Wettbewerb zwischen den verschiedenen Projekten entfachen.

Der Preis des Klimaschutzes

Insgesamt stellt sich Josefsson trotz seiner eher unpopulären Desertec-Zweifel öffentlich demonstrativ hinter einen Energiewandel zu Gunsten der erneuerbaren Energien. Vor dem Hintergrund seines neuen UN-Postens bleibt ihm jedoch wohl auch kaum eine andere Wahl. Eine Anmerkung dürfte den Verbrauchern darüber hinaus kaum schmecken und erinnert an die Äußerungen des E.ON-Chefs Wulf Bernotats vor einiger Zeit. Sie betrifft wie so oft den Preis: “Strom ist heute noch sehr billig, vielleicht zu billig”, so Josefsson. “Energie ist kostbar – daher muss sie künftig auch einen angemessenen Preis haben.” Ergo: Klimaschutz hat seinen Preis.
Aus all diesen Sachverhalten lässt sich zu Prof. Lars Göran Josefsson nun eine einfache und passenderweise zweideutige Schlussfolgerung ziehen: Er will nur unser Bestes. Ob das letztendlich unser Geld oder eine nachhaltige, klimaschonende Energieversorgung ist, wird wohl das Geheimnis des Professors bleiben.

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