Ökostrom ist nicht immer Ökostrom

Entscheidet man sich der Umwelt zuliebe für einen Ökostromanbieter statt der herkömmlichen Grundversorgung mit Atomstrom, tut man nicht immer Gutes für die Umwelt. Europäische Stromanbieter tricksen ihre Kunden gezielt aus, indem sie Atom- und Kohlestrom einfach in Ökostrom umetikettieren. Und das Schlimmste an der Sache? Es ist auch noch legal!

Ökostrom ist billiger als Atom-und Kohlestrom – Was läuft da schief?

Eine Vergleichsstudie des unabhängigen Internetportals Verivox kam zu einem erschreckenden und fragwürdigen Ergebnis: viele „Ökostrom“-Tarife sind billiger als die Preise eines Grundversorgers. Während man für den in Deutschland durchschnittlichen Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden beim Grundversorger im Schnitt 878 Euro pro Jahr bezahlt, kostet der „Ökostrom“ nur 781 Euro und ist dadurch um 97 Euro pro Jahr billiger. Wie kann das aber bitte sein? Und warum nutzen dann nicht viel mehr Leute in Deutschland Ökostrom statt des umstrittenen Stroms aus Kohle- und Atomkraftwerken?

Etikettenschwindel mit Ökostrom

Als „Ökostrom“ ist eigentlich als derjenige Strom definiert, der aus Fotovoltaikanlagen, aus Windkraftwerken, Biomasseanlagen und der Geothermie stammt. Und ursprünglich sollte immer ein Teil der Einnahmen durch Ökostrom in neue Anlagen zur Erzeugung von regenerativen Energien gesteckt werden. Das ist Sinn und Zweck der Sache und deswegen kostet Ökostrom normalerweise auch einen Tick mehr als der Atom- und Kohlestrom. Was sich derzeit bei den europäischen Stromanbietern abspielt, ist reiner Etikettenschwindel. Ein herkömmlicher Stromversorger kauft an der Börse zum Beispiel Strom für 7 Cent pro Kilowattstunde. Dann veredelt er diesen Atom- oder Kohlestrom mit einem Ökozertifikat, das ihm ein norwegisches Wasserkraftwerk verkauft und ihn lediglich noch einmal 0,05 Cent pro Kilowattstunde mehr kostet. Schon schmückt ihn ein schönes und glaubwürdiges Zertifikat und er verkauft seinen Graustrom als grünen Ökostrom. Das norwegische Kraftwerk muss im Gegenzug die entsprechend Menge seines Ökostroms in konventionell erzeugten Strom umetikettieren, dennoch fließt keinerlei Erlös des Ökostroms in den Aufbau neuer Ökokraftwerke.

RECS-Zertifikate tricksen umweltbewusste Verbraucher aus

Ein derartiges transparentes Tauschgeschäft zwischen Ökostromanbieter und Grundversorger ermöglicht das “Renewable Energy Certificate System” (RECS). Ein „Grünstromzertifikat“ erhält, wer Ökostrom produziert, allerdings kann er die Papiere unabhängig vom Strom weiter verkaufen, zum Beispiel an deutsche Stromerzeuger, die eigentlich gewöhnlichen Strom aus Atom- und Kohlekraftwerken anbieten. Andree Böhling von Greenpeace kritisiert „das ganze System als Etikettenschwindel“. Ökologisch ausgerichtete Verbraucher müssten deswegen unbedingt genau beim Anbieter nachfragen, welche konkrete zusätzliche Umweltnutzen entsteht. Umetikettierter Ökostrom gilt nur auf dem Papier, ohne dass auch nur eine zusätzliche Kilowattstunde davon erzeugt wird, weil das Geld tatsächlich größtenteils bei Atom- und Kohlekraftwerksbetreiber landet und diese weiterhin die Überhand behalten werden. Entscheidend bei Ökostrom ist, was der Stromanbieter mit den Einnahmen der Ökostrom-Kunden macht. Und wenn der Atomstrom  exklusiv an Ökostromkunden verkauft wird, hat das keinen positiven Effekt für die Umwelt.

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